…und den Herrn Gernot Krinner auf einen gemeinsamen Nenner bringen könnte? Dazu muss man sich schon eine verdammt gute Geschichte einfallen lassen. Eine andere Möglichkeit wäre: Man trifft sich mit Herrn Karl D., einem Vorwertsler seit gut 20 Jahren, bestellt sich ein Bier und so und lauscht den Geschichten, die uns von Lahrndorf auf den Platz, von Steyr nach Kalkutta und mit Polizeibegleitung vom Away auf dem Innsbrucker Tivoli nach Finkenberg führen und quer durch Afrika und überhaupt mitten durchs Leben, das es nur so kracht und scheppert.
Erste Erinnerung: Ein 6:0 gegen den Sportclub
Fanportraits beginnen in der Regel mit rot-weiß enthusiamisierten Vätern, die gar nicht auf das Abstillen ihrer Infanten warten können, um sie mal auf den Platz an der Volksstrasse mitzunehmen. Damit kann die Geschichte vom Karl aus Lahrndorf nicht mithalten. Ein Volksschulfreund überredet ihn zum mitfahren in die Stadt. “Das 6:0 gegen den Sportclub ist eines der ersten Spiel an die ich mich erinnern kann”, erzählt Karl. Mit dem Zug oder dem Radl ging es ab dann regelmäßig in die große Stadt. Die Bundesliga, die Vorwärts etabliert sich als Fixstarter, und der Karl ist fix dabei.
Schürzenjäger und ein Abstauber
Zum Beispiel, mit fünf wackeren Gesellen in der rot-weißen Kluft am 12. August 1994 in Innsbruck. Das trifft sich gut, ein kleiner Abstecher vom Konzert der Schürzenjäger im Zillertaler Finkenberg auf den Tivoli. Die Rollen sind klar verteilt, das “Dream Team” des FC Tirol rennt gegen Herrn Hassler im Tor der Rot-Weißen an. Es war die Zeit, als man als Vorwertsler noch bei jedem “Achtung Achtung, hier ist Innsbruck…” auf Ö3 zusammengezuckt ist, aber es sollte anders kommen: Ein gewisser Herr Krinner tunkt in Minute 70 zum 0:1 zur Freude für fünf Gäste ein, die das letztendlich lustiger finden als die restlichen 9.995 Tiroler ab Minute 90.
Jedenfalls begleiten unserer Freunde und Helfer das wackere Grüppchen in Rot-Weiß durch das Inntal zurück nach Finkenberg zum Konzert der Zillertaler Schürzenjäger. Sierra Madre….ein schöner Fußballtag neigt sich seinem gemütlichen Ende zu.
In die “Stadt der Freude”
So kommt man herum in Leben, wenn man es anpackt. Der Lehrling im Lagerhaus nimmt einen zweiten Anlauf und beginnt zu studieren: Soziologie. Und entdeckt die Welt neu, genauer gesagt Asien: Die “Stadt der Freude“, das Buch von Dominique Lapierre hat es ihm angatan und Karl beginnt in der fernen Metropole der Bengalen mit seiner Diplomarbeit: ”Die Rikschafahrer von Kalkutta”. Professor Girtler betreut die Arbeit, Karl macht Interviews in den Slums der Metropole, aber irgendwann ist auch in Kalkutta Samstag: Derbytime. Der Mohun Bagan AC trifft auf den East Bengal FC und Karl stellt sich mit 100.000 Indern brav um eine Karte an im Salt Lake Stadium. Wohlgemerkt, der zweitgrößte Ground der Welt. Man trennt sich friedlich mit einem torlosen Remis. Der Groundhopping-Bericht ist im Insider#4, dem Fanzine der Freunde des Südchaos nachzulesen. Dass es in Indien oft um Eingemachteres geht als um Punkte, lässt unseren Weltenbummler nicht kalt. Eine befreundete Familie am Bahndamm von Kalkutta wird delogiert, Karl sammelt bei Freunden in Österreich erfolgreich für eine neue Bleibe.
Bälle für Afrika
Fußball macht Freunde und Freude – auf der ganzen Welt. 2003 durchquert Karl mit einem Freund das südliche Afrika von Namibia bis Mozambique. Und wer will schon Löwen und Elefanten jagen, wenn doch die Kids dem Leder nachlaufen wollen. Im Gepäck sind jede Menge Fußbälle und Trikots, die bei den jungen Ballesterern auf den Bolzplätzen an den Ufern des Sambesi verteilt werden wollen. Die Kollegen im Lagerhaus haben dafür in die Tasche gegriffen. Karl: “Die haben das cool gefunden, dass ich in Afrika Fußbälle verteilen will. Die Sporthäuser haben mir aber alle die kalte Schulter gezeigt. Beim Eybl haben sie mir zu den zehn Bällen die ich gekauft habe, dafür nicht einmal einen einzigen draufgeben wollen.”
Wenn die Tabelle nicht mehr so wichtig ist
Irgendwann hat der Spaß ein abruptes Ende: Eine Krebserkrankung erinnert Karl eine gutes halbes Jahr daran, dass der Platz im Leben oft ebenso umkämpft ist als jener in der Tabelle. Die Krankheit ist überwunden. Der Platz im Leben ist zurückerobert und der auf der Tribüne wird wieder regelmäßig eingenommen. Nicht nur an der Volksstraße und bei den Aways, auch im Wohnexil Wien. “Sportklub, Wienerberg, FavAC, das sind die Sachen die ich mir hie und da anschaue”, erzählt Karl. “Die Bundesliga ist mir zu kommerzialisiert und bei jedem Spiel wirst Du gefilzt, das ist nicht meine Welt.” Nicht kommerzialisiert ist auch die zweite sportliche Seite unseres Karl. Beim Schachverein Kobenzl in der zweiten Klasse Wien schickt er Bauern und Damen ins Gefecht am karierten Brett. Engagiert, aber nicht überehrgeizig. “Wir trainieren regelmäßig, und da gibt es die Leute, die analysieren ihre Partien dann daheim am Computer und solche, die analysieren die Partie bei ein paar Bieren.”
Und was macht ihr am 11. März?
Wir wissen natürlich nicht, was der Karl macht unter der Woche nach dem Training. Was wir aber ziemlich sicher vermuten können ist, was er am 11. März macht.




